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KLARTEXT Mentoring-System

Glossar der Fachbegriffe

Alle zentralen Begriffe des KLARTEXT-Systems — klar definiert, verständlich erklärt, mit Quellenangaben.

64 Begriffe
A–Ü alphabetisch
9 Kategorien
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A
ADHS Krankheitsbild
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Neurobiologisch bedingte Entwicklungsstörung mit den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Impulsivität und (bei hyperaktivem Typ) motorische Überaktivität. Im Schulalltag zeigt sich ADHS oft als Kann gerade nicht anders — nicht als Unwilligkeit. Das Gehirn hat Schwierigkeiten mit Exekutivfunktionen: planen, beginnen, durchhalten, stoppen. Kinder mit ADHS brauchen Struktur, kurze Phasen, Bewegungspausen und klare Signale.
Döpfner et al. (2019). ADHS. Hogrefe. · APA (2013). DSM-5.
KrankheitsbildNeurodivergenzKinder
→ M2-08 ADHS
Aktives Zuhören
Kommunikationsform bei der die zuhörende Person nicht nur hört, sondern das Gehörte spiegelt, zusammenfasst und nachfragt. Ziel ist echtes Verstehen statt Antworten-Vorbereiten. „Ich höre, dass du dich übergangen fühlst — stimmt das?" Im Schulalltag: Kinder fühlen sich gesehen wenn INGRA aktiv zuhört statt sofort zu lösen.
Gordon, T. (1970). Parent Effectiveness Training.
KommunikationBeziehung
Allparteilichkeit
Professionelle Haltung bei der alle Perspektiven — Kind, Eltern, Lehrkraft — ernst genommen werden, ohne eine Seite zu bevorzugen. Allparteilich sein bedeutet nicht: keine Meinung haben, sondern: die eigene Meinung im richtigen Rahmen halten. INGRA beobachtet und dokumentiert — urteilt nicht öffentlich.
HaltungProfessionalität
→ M8-07 Neutralität
Amygdala
Mandelförmige Gehirnstruktur im limbischen System, zuständig für die Bewertung emotionaler Reize — besonders Bedrohungen. Die Amygdala löst innerhalb von Millisekunden Stressreaktionen aus, bevor der Kortex (rationales Denken) die Situation analysiert hat. Im Alarm-Modus übernimmt die Amygdala — das Kind kann nicht mehr vernünftig denken.
LeDoux, J. (1996). The Emotional Brain.
NeurobiologieStressAlarm
Autismus-Spektrum-Störung (ASS) Krankheitsbild
Neurobiologisch bedingte Entwicklungsbesonderheit mit dem Kern: Anderer Wahrnehmungsstil — nicht weniger. Betroffene verarbeiten sensorische Reize, soziale Signale und Sprache anders. Stärken: Detailwahrnehmung, Systematik, Zuverlässigkeit in Routinen. Herausforderungen: sensorische Überreizung, implizite Sozialregeln, Übergänge, Ironie. Ironie und Humor werden häufig wörtlich gelesen.
Milton, D.E.M. (2012). Disability & Society. · APA (2013). DSM-5.
KrankheitsbildNeurodivergenz
→ M2-09 Autismus
B
Barometer KLARTEXT-System
Zentrales Regulationsinstrument des KLARTEXT-Systems. Das Barometer macht den inneren Zustand sichtbar — ohne Worte. Fünf Farben: Grün (alles gut), Gelb (leicht angespannt), Orange (deutlich angespannt, Werkzeuge nötig), Rot (Krise, Feuerwehr), Grau (erschöpft, leer, kaum erreichbar). INGRA liest das Barometer und passt die Begleitung an — nicht umgekehrt.
KLARTEXTRegulationEmotion
→ M3-01 Barometer
Brainy KLARTEXT-System
Maskottchen und pädagogisches Erklärmodell des KLARTEXT-Systems. Brainy ist ein meditierendes Gehirn mit Herz — und erklärt Kindern warum das Gehirn manchmal nicht mehr denken kann: „Brainy sitzt gerade im Keller. Der Aufzug kommt wieder — wenn der Körper sicher ist." Brainy erscheint auf jeder KLARTEXT-Karte und am Ende jeder Lerneinheit.
KLARTEXTPädagogikMetapher
Bindungsstörung Krankheitsbild
Entsteht wenn frühe Bezugspersonen unzuverlässig, absent oder verletzend waren. Das Kind lernt: Nähe bringt Schmerz. Zwei Hauptformen: Gehemmt (Rückzug, Nähe ablehnen, niemandem vertrauen) und Enthemmt (wahllose Nähe, keine gesunde Vorsicht, Grenzen nicht vorhanden). Beziehungsaufbau dauert sehr lang — Rückschritte sind normal.
Bowlby (1969). · Ainsworth et al. (1978).
KrankheitsbildBindungTrauma
→ M2-30 Bindungsstörungen
Burnout
Zustand chronischer Erschöpfung durch anhaltende Arbeitsüberlastung — besonders in helfenden Berufen. Drei Kerndimensionen nach Maslach: emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung (innere Distanz zu Klienten), reduziertes Leistungsgefühl. Burnout entsteht schleichend — Frühwarnzeichen sind Stresssignale (→ Barometer). Prävention durch aktive Selbstfürsorge, Supervision und Grenzen.
Maslach & Leiter (2003). Burnout. Jossey-Bass.
SelbstfĂĽrsorgeHelfende Berufe
→ M8-01 Selbstfürsorge
C
Co-Regulation
Prozess bei dem eine regulierte Person (INGRA) hilft, eine dysregulierte Person (Kind) zur Ruhe zu bringen — durch ruhige Stimme, offene Körperhaltung, gleichmäßiges Atmen. Das Nervensystem des Kindes synchronisiert sich mit dem der Bezugsperson. Co-Regulation ist die Grundlage jeder Deeskalation und der Vorstufe zur Selbstregulation.
Porges, S.W. (2011). The Polyvagal Theory.
NeurobiologieRegulationBeziehung
Compassion Fatigue
Spezifische Erschöpfungsform in helfenden Berufen durch anhaltende Empathie für leidende Menschen. Auch als Mitgefühlserschöpfung oder sekundäre Traumatisierung bezeichnet. Typische Zeichen: emotionale Taubheit, Zynismus, Rückzug, Schlafstörungen. Unterschied zu Burnout: entsteht durch das Was der Arbeit, nicht nur durch das Wie viel.
Figley, C.R. (1995). Compassion Fatigue.
SelbstfürsorgeSekundärtrauma
Cybermobbing
Mobbing über digitale Kanäle (Messenger, soziale Netzwerke, Gaming). Besonderheiten gegenüber klassischem Mobbing: kein Rückzugsraum (24/7 erreichbar), schnelle Verbreitung durch Weiterleitungen, Anonymität der Täter, Schwierigkeit Beweise zu sichern. Strafrechtlich relevant (§§ 185, 187, 241 StGB). INGRA sichert Beweise, informiert TK — ermittelt nicht selbst.
BMBF (2022). Cybermobbing — Ursachen, Ausmaß und Folgen.
MobbingDigitalRecht
→ M6-03 Cybermobbing
D
Datenschutz / DSGVO
Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO, 2018) regelt den Umgang mit personenbezogenen Daten in der EU. Im Schulbegleitungskontext: Alle Dokumente über ein Kind sind sensibel. Keine privaten Geräte zur Datenspeicherung, keine Namen in ungesicherten Nachrichten, Einwilligungen dokumentieren. Im Zweifel: TK fragen.
RechtDatenschutzDokumentation
→ M5-10 Datenschutz
Deeskalation
Gezielte Maßnahmen zur Reduzierung von Spannung, Erregung oder Konfliktpotenzial — bevor eine Situation eskaliert. Im KLARTEXT-System: kLAR ab Barometer Orange. Deeskalation beginnt mit der eigenen Regulation: Wer selbst angespannt ist, kann nicht deeskalieren. Grundprinzip: Erst beruhigen, dann reden.
PädagogikNeurobiologieKrise
→ M4-06 Deeskalierende Sprache
Du-Botschaft
Kommunikationsform die das Verhalten oder die Person des Gegenübers bewertet. „Du hörst nie zu." / „Du machst das immer falsch." Du-Botschaften erzeugen Abwehr und Rechtfertigung. Im Schulalltag: lösen bei Kindern häufig Scham oder Trotz aus statt Kooperation. Alternative: Ich-Botschaft.
Gordon, T. (1970). Parent Effectiveness Training.
KommunikationKonflikt
→ M4-02 Ich-Botschaften
Dysregulation
Zustand in dem das Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten ist — das Kind kann Emotionen, Impulse oder Reaktionen nicht mehr steuern. Dysregulation ist keine Entscheidung des Kindes. Sie ist der Ausgangszustand für Stressreaktionen (Fight, Flight, Freeze, Fawn). Erste Aufgabe bei Dysregulation: Co-Regulation durch INGRA, nicht Pädagogik.
NeurobiologieRegulationKrise
E
Eingliederungshilfe
Leistung nach SGB IX (ab 2020), vorher SGB XII. Ermöglicht Menschen mit Behinderungen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben — dazu gehört die Schulbegleitung. Die Eingliederungshilfe wird beim zuständigen Kostenträger (Jugendamt oder Sozialamt) beantragt. INGRA ist im Rahmen der Eingliederungshilfe tätig und auf den Hilfeplan bezogen.
SGB IX § 90 ff. · Wiesner (2022).
RechtSGB IXSchulbegleitung
Epilepsie Krankheitsbild
Neurologische Erkrankung mit wiederholt auftretenden epileptischen Anfällen durch unkontrollierte elektrische Entladungen im Gehirn. Zwei Hauptformen im Schulalltag: Großer Anfall (tonisch-klonisch: Sturz, Verkrampfung, Zucken) und Absence (kurzes Einfrieren, leerer Blick). INGRA kennt den Notfallplan, bleibt ruhig, misst Zeit — Notruf ab 5 Minuten.
KrankheitsbildMedizinNotfall
→ M2-26 Epilepsie
Eskalation
Stufenweise Zunahme von Spannung, Lautstärke oder aggressivem Verhalten — oft entlang der Barometer-Farben (Gelb → Orange → Rot). Eskalation kann verhindert werden wenn INGRA früh — auf Gelb oder Orange — interveniert. Bei rotem Barometer: keine Pädagogik, Feuerwehrkarten, Sicherheit zuerst.
KrisePädagogik
→ M7-17 Eskalation
F
FASD Krankheitsbild
Fetal Alcohol Spectrum Disorder — Schädigungen durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft. FASD ist nicht heilbar aber gut begleitbar. Kernsymptome: eingeschränkte Impulskontrolle, Schwierigkeiten mit Ursache-Wirkungs-Denken, Gedächtnislücken, Sozialverhalten. Kinder mit FASD lernen nicht durch Konsequenzen wie andere Kinder — Struktur und Routine sind entscheidend.
Streissguth et al. (2004). CDC.
KrankheitsbildNeurobiologie
→ M2-24 FASD
Fawn
Vierter Stressmodus (neben Fight, Flight, Freeze): Anpassen, um Gefahr zu vermeiden. Das Kind stimmt allem zu, wird kleiner, hat kaum eigene Wünsche. Fawn ist eine Schutzstrategie — besonders häufig bei Kindern mit Trauma- oder Bindungshintergrund. Im Schulalltag: Kind wirkt kooperativ und unauffällig — während es innen komplett überwältigt ist.
Walker, P. (2013). Complex PTSD.
NeurobiologieStressmodiTrauma
→ M2-04 Stressmodi
Feuerwehrkarte KLARTEXT-System
Spezialkarten für akute Krisensituationen (Barometer Rot). Sieben Feuerwehrkarten für: Eskalation, Shutdown, Panikattacke, Fremdgefährdung, Selbstverletzung, Weglaufen, Dissoziation. Jede Karte gibt klare Handlungsschritte — kein Nachdenken nötig. Erster Grundsatz: Sicherheit herstellen, dann TK informieren, dann dokumentieren.
KLARTEXTKriseAkut
→ FK-01 Akute Eskalation
Fight (Kämpfen)
Erster Stressmodus: Das Nervensystem mobilisiert maximale Energie für den Angriff. Im Schulalltag: schlagen, treten, schreien, Dinge werfen, provozieren. Fight ist eine biologische Schutzreaktion — keine Entscheidung. INGRA reagiert mit: ruhig bleiben, Grenzen halten, nicht eskalieren, andere in Sicherheit bringen.
Porges, S.W. (2011). Polyvagaltheorie.
NeurobiologieStressmodi
Flashback
Unwillkürliches Wiedererleben vergangener traumatischer Erfahrungen — als ob sie gerade jetzt passieren. Ausgelöst durch Trigger (Reize die an das Trauma erinnern). Das Kind ist im Flashback nicht in der Gegenwart. Reaktionen wie bei Barometer Rot oder Grau. INGRA reagiert mit Sicherheit, Orientierung, ruhiger Stimme: „Du bist hier, du bist sicher."
van der Kolk, B.A. (2014). The Body Keeps the Score.
TraumaNeurobiologie
Flight (Fliehen)
Zweiter Stressmodus: Das Nervensystem mobilisiert Energie fĂĽr Flucht. Im Schulalltag: Raum verlassen, weglaufen, sich entziehen, vermeiden. Flight ist eine biologische Schutzreaktion. INGRA reagiert mit: sicheren RĂĽckzugsort anbieten, nicht festhalten, TĂĽr offen lassen, Sicherheit signalisieren.
NeurobiologieStressmodi
Freeze (Einfrieren)
Dritter Stressmodus: Das Nervensystem schaltet auf Totstellreflex — keine Reaktion, starrer Blick, Körper wie eingefroren. Häufig bei Kindern mit Trauma-Hintergrund. Freeze wirkt von außen wie Gleichgültigkeit oder Sturheit — ist aber maximaler Stress. INGRA reagiert mit: sanft nähern, keine Forderungen, einfach da sein, keine Fragen.
Porges (2011). Levine (2010).
NeurobiologieStressmodiTrauma
Förderplan
Verbindliches Dokument das Förderziele, Maßnahmen und Zuständigkeiten für ein Kind mit besonderem Förderbedarf festlegt. INGRA arbeitet auf Grundlage des Förderplans — erstellt ihn nicht. Wichtig: Alltagsbeobachtungen von INGRA fließen in die Weiterentwicklung des Förderplans ein. Bei Unpassendem: TK informieren.
RechtDokumentationSchulbegleitung
→ M5-07 Förderpläne
H
Hilfeplan
Rechtlich verbindliches Planungsinstrument nach § 36 SGB VIII. Wird gemeinsam mit dem Kind, den Eltern und dem Kostenträger erstellt. Enthält: Ausgangssituation, Ziele, Maßnahmen, Überprüfungszeitpunkte. Der Hilfeplan ist die Grundlage für die Schulbegleitungsleistung. INGRA orientiert sich am Hilfeplan und meldet Beobachtungen zur Weiterentwicklung an TK.
SGB VIII § 36.
RechtSGB VIIISchulbegleitung
I
Ich-Botschaft
Kommunikationsform die über die eigene Wahrnehmung, das eigene Erleben oder eigene Bedürfnisse spricht — ohne das Verhalten des anderen zu bewerten. Formel: „Ich fühle / merke / brauche … wenn … weil …" Ich-Botschaften öffnen Gespräche, Du-Botschaften schließen sie. Im Schulalltag: gegenüber Kindern, Eltern und Lehrkräften gleichermaßen wirksam.
Gordon, T. (1970). Parent Effectiveness Training.
KommunikationKonflikt
→ M4-02 Ich-Botschaften
INGRA
Bezeichnung für die pädagogischen Fachkräfte des KLARTEXT-Systems (früher: Schulbegleiter:in). INGRA begleitet Kinder mit besonderem Förderbedarf im Schulalltag — auf Grundlage des Hilfeplans und im Rahmen der Eingliederungshilfe. Kernhaltung: klar in der Rolle, warm in der Beziehung, menschlich in der Haltung.
KLARTEXTSchulbegleitungRolle
J
Joker KLARTEXT-System
Individuelles Notfall-Signal das Kind und INGRA gemeinsam in ruhigen Momenten vereinbaren — eine Geste, ein Wort, eine Karte. Wenn das Kind den Joker einsetzt, reagiert INGRA sofort und bedingungslos — ohne Frage, ohne Kommentar. Der Joker gibt dem Kind Kontrolle zurück wenn Worte fehlen. Entscheidend: 100% Zuverlässigkeit der Reaktion.
KLARTEXTSignalSelbstwirksamkeit
→ M3-03 Joker
K
kLAR-Modell KLARTEXT-System
Viertstufiges Deeskalationsmodell des KLARTEXT-Systems. Immer in dieser Reihenfolge — k kommt zuerst: k — Kontakt & Körperliche Sicherheit: Sicheren Abstand herstellen, ruhige offene Haltung, Augenkontakt anbieten — ohne Worte. L — Leise & Langsam: Stimme senken, Sprechtempo reduzieren, lange Pausen. A — Anerkennung & Atmen: Zustand benennen ohne zu bewerten. Gemeinsam ruhiger werden. R — Reizreduktion & Rückzug: Reize wegnehmen, ruhigen Rückzugsort anbieten. Greift ab Barometer Orange.
KLARTEXTDeeskalationKrise
→ M0-00 Systemelemente
M
Mobbing
Systematische, wiederholte Schädigung einer Person durch eine andere oder eine Gruppe — mit Machtungleichgewicht. Drei Definitionskriterien nach Olweus: Wiederholung (nicht einmalig), Machtungleichgewicht (Opfer kann sich nicht schützen), Absicht (zielgerichtet). Mobbing ist ein Gruppenprozess — kein Zweier-Problem. INGRA beobachtet, dokumentiert und meldet an TK.
Olweus, D. (1993). Bullying at School.
MobbingGruppeSchule
→ M6-01 Mobbing erkennen
N
Neurodivergenz
Oberbegriff für neurologische Entwicklungsbesonderheiten die vom statistischen Durchschnitt abweichen — darunter ADHS, Autismus-Spektrum, Legasthenie, Dyskalkulie, Tourette. Anders — nicht weniger. Neurodivergente Menschen haben häufig besondere Stärken in Detailwahrnehmung, Kreativität oder Systematik. Der Begriff entstammt der Neurodiversitätsbewegung und versteht diese Unterschiede als menschliche Variation.
KrankheitsbildNeurobiologieInklusion
→ M2-07 Neurodivergenz
P
Parasympathikus
Teil des vegetativen Nervensystems — zuständig für Entspannung, Regeneration und soziales Engagement. „Rest and digest". Gegenspieler des Sympathikus. Im Entspannungszustand (Barometer Grün) ist der Parasympathikus dominant: Herzrate sinkt, Atmung vertieft sich, Gehirn kann lernen und denken. Bewusstes Atmen (besonders die Ausatmung) aktiviert den Parasympathikus.
Porges, S.W. (2011). The Polyvagal Theory.
NeurobiologieRegulation
Polyvagaltheorie
Neurobiologische Theorie von Stephen Porges (1994/2011) über die Rolle des Vagusnervs bei sozialen Verhaltensweisen, Emotionen und Stressreaktionen. Erklärt warum das Nervensystem zwischen drei Zuständen wechselt: soziales Engagement (Parasympathikus), Mobilisierung (Sympathikus: Fight/Flight) und Immobilisierung (dorsaler Vagus: Freeze). Grundlage für das Verständnis von Co-Regulation und Deeskalation.
Porges, S.W. (1994/2011).
NeurobiologieGrundlagentheorie
R
Reflexion
Bewusstes Nachdenken über das eigene Handeln, Erleben und die eigene Rolle — als Voraussetzung für professionelle Weiterentwicklung. Im KLARTEXT-System strukturiert durch tägliche Kurzreflexion (5 Minuten) und wöchentliche Vertiefung. Leitfragen: Was war gut? Was war schwierig? Habe ich aus meiner Rolle heraus gehandelt? Wie war mein eigener Zustand?
PädagogikSelbstfürsorgeProfessionalität
→ M8-09 Selbstreflexion
S
Schulbegleitung / INGRA
Pädagogische Fachkraft die Kinder mit besonderem Förderbedarf im Schulalltag begleitet — als Maßnahme der Eingliederungshilfe (SGB IX). Schulbegleitung ist keine Lehrkraft, kein Therapeut, kein Elternersatz. Sie begleitet, dokumentiert, schützt und kooperiert — im Rahmen des Hilfeplans und der Teamkoordination.
Dworschak, W. (2012). Klinkhardt.
SchulbegleitungRechtRolle
Schweigepflicht
Rechtliche und berufsethische Pflicht zum Schutz personenbezogener Daten. INGRA unterliegt als Fachkraft der Schweigepflicht gegenüber unbeteiligten Dritten. Weitergabe von Informationen über ein Kind nur: an beteiligte Fachkräfte im Rahmen der Hilfeleistung, mit Einwilligung der Eltern, oder bei akuter Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII). Im Zweifel: TK fragen.
RechtDatenschutz
Selbstregulation
Fähigkeit eigene Emotionen, Impulse und Reaktionen zu steuern — ohne externe Unterstützung. Selbstregulation entwickelt sich über Jahre und ist abhängig von Co-Regulations-Erfahrungen. Im Schulalltag: Ziel ist nicht Kontrolle durch INGRA, sondern dass das Kind zunehmend eigene Regulationsstrategien entwickelt (Joker, Atemübungen, Rückzugsort kennen).
Siegel, D.J. (1999). The Developing Mind.
NeurobiologieEntwicklungZiel
Selektiver Mutismus Krankheitsbild
Angststörung bei der ein Kind in bestimmten Situationen (meist Schule) nicht spricht, obwohl es zuhause normal kommuniziert. Selektiver Mutismus ist keine Verweigerung — das Kind will sprechen, kann es aber nicht. Jeder Sprachdruck verschlimmert die Angst. Nonverbale Kommunikation gleichwertig behandeln, Vertrauen langsam aufbauen.
Bergman et al. (2013). JCCP.
KrankheitsbildAngstKommunikation
→ M2-27 Selektiver Mutismus
Sekundärtraumatisierung
Traumatisierung durch das Zuhören oder Begleiten traumatisierter Menschen — ohne direktes Erleben des Traumas. Fachkräfte in der Arbeit mit belasteten Kindern sind gefährdet. Zeichen: Albträume über Kindersituationen, emotionale Taubheit, Rückzug, Vermeidung. Prävention durch Supervision, Teamaustausch und aktive Selbstfürsorge.
Figley, C.R. (1995). Compassion Fatigue.
SelbstfĂĽrsorgeTraumaHelfende Berufe
SGB VIII
Sozialgesetzbuch Achtes Buch — Kinder- und Jugendhilfe. Rechtsgrundlage für Hilfen zur Erziehung und Maßnahmen der Jugendwohlfahrt. Relevant für Schulbegleitung: § 35a (seelische Behinderung), § 36 (Hilfeplan), § 8a (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung). INGRA handelt im Rahmen des SGB VIII und ist dem Schutzauftrag verpflichtet.
Wiesner (2022). SGB VIII Kommentar. Beck.
RechtJugendhilfeGrundlage
SGB IX
Sozialgesetzbuch Neuntes Buch — Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Seit 2020 Rechtsgrundlage für die Eingliederungshilfe (vorher SGB XII). Schulbegleitung als Leistung zur Teilhabe an Bildung (§ 75 ff. SGB IX). Zuständig: je nach Bundesland Jugendamt oder Sozialamt.
RechtEingliederungshilfe
Supervision
Fachliche Begleitung von Fachkräften durch externe Fachpersonen — zur Reflexion, Qualitätssicherung und Burnout-Prävention. In helfenden Berufen professioneller Standard. INGRA sollte regelmäßig Supervision erhalten oder einfordern. Supervision schützt das Kind (bessere Begleitung) und INGRA (Entlastung, Entwicklung).
SelbstfürsorgeProfessionalität
Sympathikus
Teil des vegetativen Nervensystems — zuständig für Aktivierung bei Stress und Gefahr. „Fight or flight". Gegenspieler des Parasympathikus. Bei Bedrohung dominiert der Sympathikus: Herzrate steigt, Muskeln spannen sich, Gehirn fokussiert auf Überleben. Im Schulalltag entspricht Barometer Orange bis Rot einem sympathischen Zustand — Lernen ist kaum möglich.
Porges, S.W. (2011).
NeurobiologieStress
T
Tagesdokumentation
Tägliche schriftliche Aufzeichnung relevanter Beobachtungen, Ereignisse und Interventionen. Rechtlich erforderlich und professioneller Standard. Inhalt: Barometer-Farbe, eingesetzte Werkzeuge, besondere Situationen — sachlich, ohne Bewertung, zeitnah. Was nicht hinein gehört: Vermutungen, Diagnosen, private Familieninformationen.
DokumentationRecht
→ M5-01 Tagesdokumentation
Täter-Opfer-Umkehr
Dynamik bei Mobbing bei der das Opfer als Täter wahrgenommen wird — weil seine sichtbare Reaktion auf Provokation beobachtet wird, nicht die Provokation selbst. Erwachsene sehen den Ausbruch, nicht das System dahinter. INGRA beobachtet Muster über Zeit: Wer beginnt? Dokumentation ist entscheidend.
Salmivalli et al. (1996). Aggressive Behavior.
MobbingDynamik
→ M6-05 Täter-Opfer-Umkehr
Token-System
Motivationssystem bei dem Kinder Token (Punkte, Stempel, Kleber) für erwünschtes Verhalten sammeln und gegen vereinbarte Belohnungen eintauschen. Wirksam wenn: einfach gehalten, Kind wählt Belohnung mit, konsequent angewendet, kleine Schritte belohnt werden. Ausschleichen wenn Verhalten stabil ist.
PädagogikMotivation
→ M3-33 Token-Systeme
Trauma
Überwältigende Erfahrung die das Nervensystem übersteigt und nicht vollständig verarbeitet werden kann. Trauma verändert messbar Hirnstruktur und -funktion — besonders Amygdala und Hippocampus. Im Schulalltag: traumatisierte Kinder reagieren auf Trigger als wäre die Situation gerade jetzt real — nicht weil sie wollen, sondern weil ihr Nervensystem es tut.
van der Kolk, B.A. (2014). The Body Keeps the Score.
TraumaNeurobiologieGrundlagenkonzept
→ M2-05 Trauma-Basics
Trigger
Reiz der eine traumatische Erinnerung oder eine starke emotionale Reaktion auslöst — oft ohne bewusste Verbindung zum ursprünglichen Erlebnis. Trigger können sein: Geräusche, Gerüche, Worte, Situationen, Körperpositionen. Im Schulalltag: Kind reagiert unverhältnismäßig auf scheinbar kleine Auslöser — weil der Trigger das Nervensystem in den Alarmzustand versetzt.
TraumaNeurobiologie
Ăś
Ăśbergabe / Ăśbergabeprotokoll
Strukturierte Weitergabe relevanter Informationen bei Schichtwechsel oder Vertretung. Übergaben sind kritische Momente — was nicht weitergegeben wird, geht verloren. Inhalt: aktuelles Barometer, Besonderheiten des Tages, offene Aufgaben, Vereinbarungen. Übergabeprotokolle schützen das Kind auch wenn INGRA nicht anwesend ist.
DokumentationPädagogik
→ M5-04 Übergabeprotokolle
V
Verstärkerplan
Systematischer Plan zur gezielten Verstärkung erwünschten Verhaltens durch positive Konsequenzen. Grundsatz: Verstärkung wirkt am stärksten wenn sie sofort, konkret und ehrlich ist. Prozess loben (Mühe, Ausdauer) statt Ergebnis. Wichtig: Verstärker individuell wählen — was für ein Kind motivierend ist, ist für ein anderes irrelevant.
PädagogikMotivation
B
Bindungstrauma
Bindungstrauma entsteht wenn Kinder keine sichere Bezugsperson hatten, Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben oder häufige Beziehungsabbrüche durchgemacht haben. Im Schulalltag zeigt es sich als extreme Nähe oder Distanz, Kontrollverhalten, Wutausbrüche und Lügen aus Angst — alles Überlebensstrategien, kein Trotz. (→ M2-31)
→ M2-31
E
Essstörung (im Schulkontext)
Essstörungen sind komplexe psychische Erkrankungen — keine Phase, kein Trotz. INGRA stellt keine Diagnosen, erkennt aber Muster: eingeschränkte Nahrungsaufnahme, Essrituale, Rückzug in Pausen, Kreislaufprobleme, Perfektionismus. INGRA beobachtet, dokumentiert sachlich und gibt an LK und TK weiter. Nie Essen kommentieren oder kontrollieren. (→ M2-34)
→ M2-34
H
Hochkonflikt-Eltern
Eltern die im Kontext der Schulbegleitung kontrollierend, aggressiv, manipulativ oder überfreundlich (vereinnahmend) auftreten. Nicht "böse" — sondern überlastet, misstrauisch oder emotional instabil. INGRA schützt sich durch professionelle Distanz: keine private Nummer, keine WhatsApp, kein Rechtfertigen, kein Partei ergreifen. Alle Vorfälle sofort an TK melden. (→ M2-33)
→ M2-33
P
Pflegekind / Pflegekinder
Kinder die in Pflegefamilien oder Heimen leben und oft in einem System aus 10–20 Erwachsenen (Herkunftsfamilie, Pflegefamilie, Jugendamt, Vormund, Schule, Therapeut:innen, Träger, INGRA) aufwachsen. INGRA ist häufig die stabilste Bezugsperson im Schulalltag. Pflegekinder tragen Bindungsabbrüche, Loyalitätskonflikte und Verlustängste — und sind überlebensklug. (→ M2-31, M2-32)
→ M2-32

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Cochlea-Implantat (CI) Hilfsmittel
Operative Hörprothese, die elektrische Signale direkt an den Hörnerv sendet und so Klangerfahrungen ermöglicht. Ein CI ist kein normales Hören — Sprache klingt anders, Hintergrundgeräusche sind schwerer filterbar. Kinder mit CI brauchen weiterhin spezifische Unterstützung. Wichtig für INGRA: Das CI nie berühren, nicht in Wasser bringen, bei Ausfall ruhig bleiben und schriftlich kommunizieren.
DGS — Deutsche Gebärdensprache Sprache
Eigenständige visuelle Sprache mit eigener Grammatik, eigenem Satzbau und regionalen Dialekten. DGS ist nicht Deutsch mit Händen — sie ist eine vollwertige Sprache mit eigener Struktur. Für viele gehörlose Menschen ist DGS die Muttersprache, Deutsch die Fremdsprache. INGRA muss keine DGS können, aber: Respekt zeigen, nie die Gebärden imitieren, Dolmetscher direkt ansprechen wenn vorhanden.
FM-Anlage Hilfsmittel
Drahtloses Übertragungssystem: Die Lehrperson oder INGRA spricht in ein Mikrofon, das Signal wird direkt ans Hörgerät des Kindes übertragen — ohne Umweg über den Raum. Das reduziert Hintergrundgeräusche erheblich. INGRA prüft: Ist die FM-Anlage vorhanden? Funktioniert sie? Wer ist für die Batterien zuständig?
Gehörlosigkeit Sinnesbehinderung
Fehlen des funktionellen Hörvermögens. Gehörlosigkeit ist keine Krankheit, sondern eine Sinneserfahrung mit eigener Sprache (DGS) und Kultur. Viele gehörlose Menschen identifizieren sich als Teil der Gehörlosengemeinschaft. Im Schulalltag: Immer von vorne ansprechen, Mundpartie sichtbar lassen, Lippenlesen ist nur ca. 30% zuverlässig — immer schriftliche Ergänzung anbieten.
Hörerschöpfung Belastung
Tiefe Ermüdung durch anhaltende Hörkonzentration. Kinder mit Hörbehinderung müssen aktiv "zusammensetzen" was sie hören — das kostet ein Vielfaches der Energie die hörende Kinder aufwenden. Hörerschöpfung zeigt sich als Konzentrationsverlust, Gereiztheit, Rückzug — nicht als Unwilligkeit. Regelmäßige Pausen sind Pflicht, keine Option.
Kindeswohlgefährdung Rechtsbegriff
Situation in der das physische, psychische oder sexuelle Wohl eines Kindes ernsthaft bedroht ist. Löst den Schutzauftrag nach § 8a SGB VIII aus. Für INGRA: Wahrnehmen, dokumentieren, an TK melden — nicht selbst ermitteln oder einschätzen. Die TK entscheidet über weitere Schritte gemeinsam mit der Fachkraft für Kinderschutz.
Langstock Hilfsmittel
Taststock für blinde Menschen zur selbstständigen Orientierung im Raum. Der Langstock ist Arbeitsmittel und Teil der persönlichen Schutzzone — er darf niemals ohne Erlaubnis angefasst, weggenommen oder verstellt werden. INGRA: Nie den Weg des Stocks blockieren, Hindernisse ankündigen, Gegenstände immer an dieselbe Stelle zurücklegen.
Lippenlesen Kommunikation
Verstehen von Lautsprache durch visuelle Wahrnehmung der Mundbewegungen. Lippenlesen ist nur zu etwa 30% zuverlässig — viele Laute sehen identisch aus (z.B. p/b/m). Es ist hochgradig anstrengend und nie die einzige verlässliche Kommunikationsstrategie. INGRA: Immer zusätzlich schriftlich kommunizieren, Mundpartie nicht verdecken, nicht übertrieben artikulieren.
MSD — Mobiler Sonderpädagogischer Dienst Fachkraft
Spezialisierte Fachkräfte die Kinder mit Behinderung in Regelschulen beraten und begleiten — ohne selbst dauerhaft im Unterricht zu sein. Für Kinder mit Seh- oder Hörbehinderung ist der MSD oft die wichtigste Fachinstanz. INGRA arbeitet mit MSD zusammen: Hinweise zur Kommunikation, Hilfsmittel, Unterrichtsgestaltung kommen vom MSD — INGRA setzt sie um.
Sehbehinderung Sinnesbehinderung
Stark eingeschränkte Sehschärfe die durch Hilfsmittel nicht vollständig korrigierbar ist. Viele Kinder mit Sehbehinderung sehen mehr als erwartet — nie unterschätzen, nie überschätzen. Seherschöpfung, Lichtempfindlichkeit und eingeschränkte räumliche Orientierung sind typisch. INGRA: Räumlich beschreiben statt zeigen, Gegenstände immer zurücklegen, ankündigen bevor man den Raum betritt.
Seherschöpfung Belastung
Tiefe Ermüdung nach intensiver Seharbeit. Kinder mit Sehbehinderung müssen aktiv kompensieren was das Auge nicht leistet — das kostet erheblich mehr Energie als bei voll sehenden Kindern. Im Unterricht: Nach intensiver Lese- oder Schreibarbeit Pausen einplanen, Bildschirmzeit begrenzen, auf Lichtverhältnisse achten.
Sexueller Missbrauch Kinderschutz
Jede sexuelle Handlung an oder vor einem Kind unter 14 Jahren — strafbar nach § 176 StGB. Missbrauch geschieht überwiegend durch Vertrauenspersonen, nicht durch Fremde. Aufgabe von INGRA: Wahrnehmen, dokumentieren, an TK melden — nicht diagnostizieren, nicht das Kind direkt befragen, nicht Verschwiegenheit versprechen. Ruhig bleiben schützt das Kind.
Schwerhörigkeit Sinnesbehinderung
Eingeschränktes Hörvermögen, das mit Hörgeräten teilweise kompensiert werden kann — von leicht bis hochgradig. Lärm, Hintergrundgeräusche und Distanz erschweren das Sprachverstehen erheblich. Wichtig: Hörgeräte verstärken ALLES — auch Stühlerücken und Lärm. Ruhige Umgebungen und FM-Anlage helfen enorm.