FK-07 AKUT Feuerwehrkarte 7 von 7 · Barometer ROT

Dissoziation

Abwesenheit · Starre · Kontaktverlust · Unwirklichkeitserleben

Das Kind ist körperlich anwesend, aber innerlich abwesend: starrer Blick, keine Reaktion auf Ansprache, wie „weg" oder „eingefroren". Es handelt sich um eine automatische Schutzreaktion des Nervensystems (Freeze/Kollaps-Reaktion). Das Kind ist nicht trotzig, schläft nicht – es hat sich zum Schutz abgekoppelt. Rationale Kommunikation ist in diesem Zustand nicht möglich.

Sofortmaßnahmen – in dieser Reihenfolge
1
Ruhe bewahren und Umgebung sichern Keine hektischen Bewegungen, keine lauten Geräusche. Andere Kinder ruhig aus dem unmittelbaren Umfeld führen. Reizarme Umgebung herstellen – Licht dimmen falls möglich.
2
Ruhig ansprechen – sanft, repetitiv, kurz Mit leiser, tiefer, gleichmäßiger Stimme: „Ich bin hier. Du bist sicher. Ich bleibe bei dir." – immer wieder, ohne Erwartung einer Antwort. Keine Fragen, keine Aufforderungen.
3
TK unverzüglich informieren Sofortnachricht oder Anruf parallel zur Begleitung. Dissoziation ist ein Hinweis auf starke innere Belastung – TK muss informiert sein, auch wenn das Kind sich erholt.
4
Sanfte körperliche Erdung anbieten – nicht erzwingen Wenn das Kind leicht reagiert: sanft die Hand auf den Tisch legen und sagen: „Kannst du die Tischfläche fühlen?" Oder: Füße auf den Boden, Stuhl spüren. Kein Anfassen ohne vorherige Reaktion des Kindes.
5
Präsenz halten – nicht alleine lassen Neben dem Kind bleiben, in Sichtweite. Keine anderen Erwachsenen in kurzer Folge wechseln – Konstanz ist stabilisierend. Keine Lehrkraft herbeirufen, die das Kind nicht kennt.
6
Rückkehr begleiten – langsam Wenn das Kind beginnt, sich zu bewegen oder zu reagieren: weiter ruhig sprechen. Keine sofortigen Fragen über das Erlebte. „Du bist wieder da. Alles gut. Wir haben Zeit." Erst nach vollständiger Rückkehr: Wasser, ruhige Ecke, Brainy anbieten.
Erkennungssignale für diese Karte
Starrer, leerer Blick – „durch einen hindurchschauen"
Keine oder sehr verzögerte Reaktion auf Ansprechen
Unbeweglichkeit, Körper wirkt „eingefroren"
Flache, unregelmäßige Atmung
Blasse oder gräuliche Gesichtsfarbe
Kind reagiert nicht auf eigenen Namen
Wirkt „abwesend" oder „wie in einem anderen Raum"
Nach Rückkehr: keine Erinnerung oder Verwirrung
Was jetzt gilt – und was nicht
Jetzt tun
Jetzt nicht tun
✓ Ruhige, konstante Präsenz halten
✗ Laut sprechen oder schütteln
✓ TK sofort informieren
✗ Fragen stellen oder Erklärungen verlangen
✓ Sanfte Erdungsangebote machen
✗ Kind anfassen ohne Reaktion abwarten
✓ Reizarme Umgebung herstellen
✗ Viele Personen herbeirufen
✓ Beim Kind bleiben – Konstanz
✗ Sofort nach Rückkehr aufarbeiten
✓ Einfache Wahrnehmungsreize anbieten
✗ Kind alleine lassen
Abgrenzung: Dissoziation vs. Shutdown (FK-02)
Dissoziation (FK-07)
Shutdown (FK-02)
Blick leer, durch INGRA hindurch
Blick gesenkt, Kind zieht sich zurück
Keine Reaktion auf Ansprechen
Geringe, verzögerte Reaktion möglich
Körper wirkt eingefroren, steif
Körper wirkt zusammengesunken
Danach oft: Verwirrung, keine Erinnerung
Danach: Erschöpfung, aber Erinnerung
Immer FK-07 + TK sofort
FK-02, TK informieren
Nach der Akutphase
📋
Dokumentation – sofort nach Stabilisierung: Uhrzeit, möglicher Auslöser, Dauer, Verlauf, Erdungsmaßnahmen, Reaktion des Kindes
📞
TK-Nachbericht – auch wenn das Kind sich vollständig erholt hat. Dissoziation ist immer meldepflichtig innerhalb des Systems.
👨‍👩‍👧
Elterninformation – nur in Absprache mit TK; Eltern müssen informiert werden, da Dissoziation auf erhöhten Förderbedarf hinweisen kann.
🧘
Selbstfürsorge INGRA – Dissoziation mitzuerleben ist belastend. Kurze Pause, Debrief mit TK. Eigene Reaktionen sind normal und professionell zu bearbeiten.
🧠 Neurobiologischer Hintergrund: Dissoziation ist eine dorsovagale Schutzreaktion – die älteste Überlebensstrategie des Nervensystems (Polyvagaltheorie, Porges 1994). Bei extremer Bedrohung oder Überwältigung „schaltet" das Nervensystem ab: Bewusstsein und Körpergefühl trennen sich. Der präfrontale Kortex ist nicht zugänglich, Sprachverarbeitung ist eingeschränkt. Das Kind erlebt sich nicht als „hier" – und kann es deshalb nicht steuern. Erdungsreize aktivieren den ventralen Vagus und helfen bei der Rückkehr zur Regulation (van der Kolk 2014; Levine 2010).
⚠️ Häufige Dissoziation: Wenn ein Kind wiederholt dissoziiert, ist das ein deutliches Signal für erhöhten Unterstützungsbedarf. TK koordiniert die Einbindung von Fachkräften (Schulpsychologie, Therapeut*in). INGRA dokumentiert, begleitet – diagnostiziert und behandelt nicht.
Wenn das Kind zurückgekehrt ist: Barometer neu einschätzen – meist Orange oder Gelb nach Dissoziation. Ruhige Umgebung und wenig Anforderungen für den Rest des Tages. Gespräch über das Erlebte nur auf Wunsch des Kindes, nie erzwingen. Bei Bedarf: Brainy einsetzen (Modul 0 · Element 04).
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