Shutdown
Totaler Rückzug · Erstarren · Freeze-Reaktion
Das Kind ist nicht ansprechbar, völlig eingefroren oder in sich zurückgezogen: kein Blickkontakt, keine Reaktion auf Ansprache, Körper starr oder zusammengesunken. Dies ist eine Freeze-Reaktion des Nervensystems – kein Trotz, kein Wille. Das Kind „kann" nicht antworten.
Sofortmaßnahmen – in dieser Reihenfolge
1
Ruhe herstellen – Reize reduzieren
Lärm, Aufmerksamkeit anderer und Blicke auf das Kind minimieren. Lehrkraft diskret informieren. Klasse ggf. nach draußen schicken oder Kind in ruhigere Ecke begleiten.
2
Keine Anforderungen – keine Fragen
Kein „Was ist los?", kein „Komm schon", kein Berühren ohne Signal. Stattdessen: ruhig neben dem Kind bleiben, in respektvollem Abstand. Stimme tief und langsam.
3
TK informieren
Sofortnachricht. Kurz und sachlich: „[Name] im Shutdown. Ich bin dabei. Bitte Rückmeldung." TK entscheidet weiteres Vorgehen – auch ob Eltern informiert werden.
4
Anker anbieten – sanft und ohne Erwartung
Optional: warmes Getränk hinstellen (nicht geben), leises Summen, eigene ruhige Atmung hörbar machen. Nur wenn das Kind signalisiert, dass Kontakt okay ist: Hand auf den Tisch legen (nicht anfassen).
5
Warten – Geduld ist die Intervention
Shutdown löst sich von selbst, wenn Sicherheit spürbar ist. Keine Zeitvorgaben. Kein „Wir müssen jetzt aber…". Das Nervensystem kehrt zurück, wenn es bereit ist.
6
Erst nach Rückkehr: leichte Orientierung geben
Wenn das Kind Blickkontakt aufnimmt oder sich bewegt: kurze Orientierungssätze. „Du bist hier. Das ist die Schule. Ich bin [Name]. Du musst nichts." Dann abwarten.
Erkennungssignale für diese Karte
Kein Blickkontakt, leerer Blick
Keine Reaktion auf Ansprache
Völlige Bewegungslosigkeit
Zusammengekauert, in sich gezogen
Flüstern oder völliges Schweigen
Plötzlicher Wechsel von Aktiv zu Still
Was jetzt gilt – und was nicht
Jetzt tun
Jetzt nicht tun
✓ Reize minimieren, Ruhe schaffen
✗ Kind anfassen oder schütteln
✓ Ruhig, nah und still dabei bleiben
✗ Fragen stellen oder erklären
✓ TK sofort informieren
✗ Auf Antwort bestehen
✓ Geduldig warten – Zeit geben
✗ Humor oder Ablenkung einsetzen
Nach dem Shutdown
Dokumentation – Uhrzeit, Dauer, Auslöser (soweit erkennbar), wie sich das Kind erholt hat
TK-Nachbericht – auch wenn alles gut ausgegangen ist
Muster beobachten – Häufiger Shutdown ist ein Signal für tiefere Belastung; mit TK besprechen
🧠 Neurobiologischer Hintergrund: Der Shutdown ist eine Dorsal-Vagus-Reaktion (Freeze) gemäß der Polyvagaltheorie (Porges 1994). Das parasympathische System übernimmt im Extremstress – das Kind „fährt herunter" als Schutzreaktion. Sprechen, Erklären oder Anforderungen verschlimmern den Zustand. Sicherheit und Zeit sind die einzige Intervention.
⚠️ Abgrenzung zu Dissoziation: Wenn das Kind einen völlig leeren, abwesenden Blick hat, nicht auf den eigenen Namen reagiert oder den Körper wie von außen wahrzunehmen scheint → FK-07 · Dissoziation prüfen.
✅ Rückkehr erkennen: Erste Zeichen: Augenbewegung, leichtes Schlucken, Veränderung der Körperhaltung. Dann: ruhig bleiben, kein Jubel, keine sofortige Aufarbeitung. „Gut, dass du wieder da bist."
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