Akute Eskalation
Wutanfall · Körperlicher Angriff · Kontrollverlust
Das Kind ist in einem akuten Ausnahmezustand: schreiend, werfend, schlagend oder tretend. Das Nervensystem ist im Kampfmodus (Fight-Reaktion). Rationale Kommunikation ist momentan nicht möglich. INGRA handelt jetzt nach dieser Karte – nicht nach KLAR.
Sofortmaßnahmen – in dieser Reihenfolge
1
Sicherheitsabstand herstellen
Mindestens zwei Armlängen Abstand zum Kind. Andere Kinder und Personen aus der Gefahrenzone herausführen. Körper seitwärts halten (kein Frontalkonfrontation).
2
Lehrkraft sofort einbeziehen
Handzeichen, Blickkontakt oder ruhiges Ansprechen: „Ich brauche jetzt Unterstützung." Lehrkraft übernimmt den Unterricht – INGRA bleibt beim Kind.
3
TK unverzüglich informieren
Sofortnachricht oder Anruf – parallel, nicht erst danach. Kein Warten auf Beruhigung. TK entscheidet, ob weitere Schritte nötig sind.
4
Ruhige Präsenz halten – in Sicherheitsdistanz
Stimme senken (nicht heben). Langsam sprechen. Keine Fragen, keine Erklärungen. Satz: „Ich bin da. Ich gehe nicht weg. Du musst jetzt nichts sagen."
5
Raum geben – keine Eskalation durch Einengen
Kind nicht festhalten, anfassen oder blockieren – außer bei unmittelbarer Selbst- oder Fremdgefährdung (dann → FK-04 / FK-05). Rückzugsraum ermöglichen, wenn vorhanden.
6
Warten bis Sturm nachlässt – dann begleiten
Wenn das Kind ruhiger wird: Angebot machen (Wasser, ruhige Ecke, Brainy). Keine sofortige Aufarbeitung. Erst Stabilisierung, dann Gespräch – ggf. später mit TK.
Erkennungssignale für diese Karte
Schreien, Beschimpfen, Drohen
Werfen von Gegenständen
Schlagen, Treten, Kratzen
Umwerfen von Möbeln
Totaler Kontrollverlust, kein Stopp
Keine Reaktion auf Ansprache
Was jetzt gilt – und was nicht
Jetzt tun
Jetzt nicht tun
✓ Sicherheitsdistanz halten
✗ Kind anfassen oder festhalten
✓ TK sofort informieren
✗ Erklären oder verhandeln
✓ Ruhige Stimme, kurze Sätze
✗ Konsequenzen androhen
✓ Anderen Kindern Sicherheit geben
✗ Sofortige Aufarbeitung verlangen
✓ Rückzugsraum ermöglichen
✗ Humor oder Ablenkung einsetzen
Nach der Akutphase
Dokumentation – sofort nach Beruhigung: Uhrzeit, Auslöser (soweit bekannt), Verlauf, Maßnahmen, Beteiligte
TK-Nachbericht – Kurzbericht an TK, auch wenn Lage sich beruhigt hat
Elterninformation – nur in Absprache mit TK und Lehrkraft; nicht eigenständig durch INGRA
Selbstfürsorge INGRA – kurze Pause, Debrief mit TK. Adrenalin braucht Zeit zum Abbauen – das ist normal.
🧠 Neurobiologischer Hintergrund: Akute Eskalation ist eine Fight-Reaktion des Nervensystems (Polyvagaltheorie, Porges 1994). Der präfrontale Kortex – zuständig für Sprache, Vernunft und Impulskontrolle – ist in diesem Zustand nicht zugänglich. Das Kind „will" nicht – es kann nicht anders. Ruhe und Distanz schützen alle Beteiligten und ermöglichen die Rückkehr zur Regulation.
⚠️ Körperlicher Angriff auf INGRA: Wenn das Kind INGRA körperlich angreift, gilt: Schutz der eigenen Person hat Vorrang. Wegbewegen, Tür nutzen, Lehrkraft herbeirufen. Kein Schuldgefühl – Selbstschutz ist professionell.
✅ Wenn sich die Situation beruhigt hat: Barometer neu einschätzen. Bei Orange → KLAR wieder aufnehmen. Erst wenn das Kind stabil ist, kann ein kurzes Gespräch über das Erlebnis angeboten werden – niemals erzwingen.
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