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10 Fallbeispiele aus dem Schulalltag
Situation · Dialog · Analyse · Intervention · Dokumentation · Reflexion
1 Überreizung im Unterricht
Situation

Es ist Montagmorgen. Die Klasse arbeitet an einem Gruppenprojekt. Der Raum ist laut, viele Kinder bewegen sich, mehrere Gespräche laufen gleichzeitig. X sitzt am Tisch, hält den Stift fest, atmet schneller und schaut unruhig im Raum umher. Die Schulbegleitung erkennt die ersten Anzeichen von Überreizung.

Dialog

SB: „Ich sehe, dass es gerade viel ist. Wir machen einen kleinen Schritt zurück.“

X nickt, sagt aber nichts.

SB: „Wir gehen kurz an den ruhigen Platz. Nur zwei Minuten.“

X steht langsam auf und folgt.

Analyse

X reagiert nicht „schwierig“, sondern überreizt. Die Reize im Raum übersteigen die Kapazität des Kindes. Schulbegleitung erkennt die Frühwarnsignale: schneller Atem, starre Haltung, Blicksuche, Unruhe.

Intervention

Die Schulbegleitung führt X an einen ruhigen Ort im Klassenraum. Sie spricht leise, reduziert Sprache und bietet eine klare Struktur an: „Wir atmen einmal tief ein. Und wieder aus. Wir bleiben kurz hier, bis dein Körper wieder ruhig wird.“ Nach zwei Minuten wirkt X entspannter.

📋 Dokumentation

„10:05 — X wirkt überreizt (schneller Atem, starre Haltung). Ich begleite X an ruhigen Platz, biete Atempause an. X beruhigt sich nach 2 Minuten und kehrt in Gruppe zurück.“

💭 Reflexion

Die Schulbegleitung hat früh reagiert und damit eine Krise verhindert. Wichtig war die ruhige Sprache, die klare Struktur und die kurze Pause.

2 Impulsdurchbruch
Situation

Während einer Matheaufgabe wirft X plötzlich den Stift auf den Tisch und ruft laut: „Ich kann das nicht! Das ist blöd!“ Die Schulbegleitung erkennt, dass X nicht trotzig ist, sondern überfordert.

Dialog

SB: „Stopp. Ich bin da.“

X: „Ich kann das nicht!“

SB: „Wir machen das zusammen. Ein kleiner Schritt.“

SB: „Wir schauen nur die erste Aufgabe an. Nicht alles.“

Analyse

Der Impulsdurchbruch ist ein Zeichen von Überforderung. X braucht Entlastung, nicht Ermahnung.

Intervention

Die Schulbegleitung teilt die Aufgabe in kleine Schritte. Sie zeigt nur die erste Zeile: „Wir beginnen hier. Nur das.“ X entspannt sich sichtbar.

📋 Dokumentation

„09:40 — X wirft Stift, ruft laut. Überforderung erkennbar. Ich reduziere Aufgabe auf ersten Schritt. X arbeitet nach 1 Minute weiter.“

💭 Reflexion

Die Schulbegleitung hat richtig reagiert, indem sie die Aufgabe reduziert hat.

3 Sozialer Konflikt
Situation

In der Pause kommt ein Kind zu X und sagt: „Du darfst nicht mitspielen.“ X wirkt verletzt und zieht sich zurück.

Dialog

SB: „Ich habe gesehen, dass du traurig bist.“

X: „Die wollen mich nicht.“

SB: „Das tut weh. Wir schauen, was du jetzt brauchst.“

SB: „Wir bleiben kurz hier und atmen. Danach entscheiden wir weiter.“

Analyse

X erlebt einen sozialen Ausschluss. Die Schulbegleitung reagiert nicht mit Lösungen, sondern mit Beziehung und Sicherheit.

Intervention

Die Schulbegleitung bleibt bei X, benennt Gefühle und bietet Orientierung: „Möchtest du mit mir eine Runde gehen oder jemanden fragen, ob du mitspielen kannst?“

📋 Dokumentation

„10:55 — X wird von Mitschülern ausgeschlossen, wirkt traurig. Ich benenne Gefühle, biete Rückzug an. X beruhigt sich nach 3 Minuten.“

💭 Reflexion

Die Schulbegleitung hat nicht über das Kind entschieden, sondern Wahlmöglichkeiten gegeben.

4 Fluchtverhalten
Situation

Während einer Gruppenarbeit steht X plötzlich auf und läuft Richtung Tür. Die Schulbegleitung erkennt das Muster: X flieht aus Überforderung.

Dialog

SB (ruhig, ohne zu rufen): „Ich gehe mit dir.“

X bleibt im Flur stehen.

SB: „Das war viel. Wir bleiben kurz hier.“

SB: „Wir warten, bis dein Körper wieder ruhig ist.“

Analyse

Flucht ist ein Schutzmechanismus. X versucht, sich aus einer überfordernden Situation zu entfernen.

Intervention

Die Schulbegleitung bleibt in Sichtweite, aber ohne körperliche Nähe aufzudrängen. Nach einigen Minuten kehrt X freiwillig zurück.

📋 Dokumentation

„11:20 — X verlässt Raum, wirkt überfordert. Ich begleite in Flur, biete Ruhe an. X kehrt nach 4 Minuten zurück.“

💭 Reflexion

Wichtig war, dass die Schulbegleitung nicht festhält oder drängt.

5 Verweigerung
Situation

X sitzt vor einer Aufgabe und sagt: „Ich mache das nicht.“ Die Schulbegleitung erkennt, dass Verweigerung oft ein Zeichen von Unsicherheit ist.

Dialog

SB: „Ich sehe, dass du nicht anfangen willst.“

X: „Nein.“

SB: „Wir machen nur den ersten Schritt. Nicht alles.“

X: „Vielleicht.“

SB: „Ich bin bei dir.“

Analyse

Verweigerung ist selten Trotz. Sie ist oft Angst vor Überforderung.

Intervention

Die Schulbegleitung zeigt nur die erste Aufgabe. X beginnt langsam zu arbeiten.

📋 Dokumentation

„08:50 — X verweigert Aufgabe. Ich reduziere auf ersten Schritt. X beginnt nach 2 Minuten.“

💭 Reflexion

Die Schulbegleitung hat die richtige Balance zwischen Struktur und Entlastung gefunden.

6 Mobbingverdacht
Situation

X erzählt in der Pause: „Die anderen sagen immer, ich bin komisch.“ Die Schulbegleitung nimmt die Aussage ernst, ohne zu dramatisieren.

Dialog

SB: „Das klingt schwer. Danke, dass du es mir sagst.“

X: „Ich will nicht mehr in die Schule.“

SB: „Wir schauen uns das gemeinsam an. Du bist nicht allein.“

Analyse

Die Schulbegleitung erkennt, dass es sich um einen möglichen Mobbingprozess handeln könnte. Sie bewertet nicht, sondern dokumentiert und informiert die Lehrkraft.

Intervention

Die Schulbegleitung bleibt ruhig, hört zu und sichert zu, dass sie die Information weitergibt. Sie trifft keine eigenen Entscheidungen.

📋 Dokumentation

„12:15 — X berichtet, Mitschüler würden ihn 'komisch' nennen. Wirkt belastet. Ich höre zu, sichere Weitergabe an Lehrkraft zu.“

💭 Reflexion

Wichtig war, dass die Schulbegleitung nicht selbst eingreift, sondern die Meldekette einhält.

7 Trauma-Trigger
Situation

Ein lautes Geräusch im Flur lässt X zusammenzucken. X wirkt panisch, atmet schnell und zieht sich unter den Tisch zurück.

Dialog

SB (leise): „Ich bin hier.“

X: „Ich will weg.“

SB: „Wir bleiben kurz hier. Du bist sicher.“

SB: „Wir atmen zusammen. Ein... und aus.“

Analyse

X reagiert auf einen Trigger. Schulbegleitung erkennt die körperliche Reaktion und reagiert mit Sicherheit und Ruhe.

Intervention

Die Schulbegleitung bleibt in der Nähe, spricht leise und bietet Atemregulation an. Sie drängt nicht und erklärt nichts.

📋 Dokumentation

„09:10 — X reagiert panisch auf lautes Geräusch. Ich bleibe bei X, biete Atempause an. X beruhigt sich nach 5 Minuten.“

💭 Reflexion

Die Schulbegleitung hat Sicherheit vermittelt, ohne zu überfordern.

8 Überforderung durch Gruppenarbeit
Situation

X soll in einer Gruppe arbeiten, wirkt aber überfordert und zieht sich zurück. Die Schulbegleitung erkennt, dass Gruppenarbeit zu viele Reize enthält.

Dialog

SB: „Es ist viel los. Wir machen das anders.“

X: „Ich will alleine arbeiten.“

SB: „Das ist in Ordnung. Wir suchen einen ruhigen Platz.“

Analyse

Gruppenarbeit ist für viele Kinder schwierig. Schulbegleitung erkennt die Belastung und bietet Alternativen an.

Intervention

Die Schulbegleitung organisiert einen Einzelarbeitsplatz und strukturiert die Aufgabe.

📋 Dokumentation

„10:30 — X überfordert in Gruppenarbeit. Ich biete Einzelplatz an. X arbeitet 15 Minuten konzentriert.“

💭 Reflexion

Die Schulbegleitung hat flexibel reagiert und Teilhabe ermöglicht.

9 Elternkonflikt
Situation

Eine Mutter spricht die Schulbegleitung emotional an: „Warum hat mein Kind schon wieder geweint? Was machst du da eigentlich?“ Die Schulbegleitung bleibt ruhig.

Dialog

SB: „Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen.“

Mutter: „Das passiert ständig!“

SB: „Ich kann dir sagen, wie es deinem Kind heute ging. Für alles Weitere spreche ich mit der Lehrkraft.“

Analyse

Die Mutter ist emotional, nicht feindselig. Schulbegleitung bleibt professionell und verweist auf die richtigen Stellen.

Intervention

Die Schulbegleitung beschreibt neutral, was passiert ist, und verweist auf Lehrkraft und Einsatzleitung.

📋 Dokumentation

„12:40 — Mutter spricht emotional an. Ich bleibe ruhig, gebe neutrale Info, verweise auf Lehrkraft.“

💭 Reflexion

Die Schulbegleitung hat Grenzen gewahrt und professionell kommuniziert.

10 Konflikt mit Lehrkraft
Situation

Die Lehrkraft sagt im Unterricht laut: „Sie müssen besser aufpassen! X läuft schon wieder herum!“ Die Schulbegleitung bleibt ruhig und reagiert nicht vor der Klasse.

Dialog

SB (nach dem Unterricht): „Ich möchte kurz über die Situation sprechen.“

Lehrkraft: „Ich war gestresst.“

SB: „Ich verstehe. Für X wäre es hilfreich, wenn wir solche Dinge kurz im Flur klären.“

Analyse

Die Schulbegleitung vermeidet eine Eskalation und sucht das Gespräch im richtigen Moment.

Intervention

Ein ruhiges Nachgespräch schafft Klarheit und stärkt die Zusammenarbeit.

📋 Dokumentation

„11:50 — Lehrkraft kritisiert mich vor Klasse. Ich spreche nach Unterricht ruhig an. Absprachen getroffen.“

💭 Reflexion

Die Schulbegleitung hat professionell gehandelt und die Beziehung geschützt.

11 Praxisbeispiel: Aufgabenverteilung bei ADHS – Der Fall Felix

Ein strukturierter Ansatz zur Aufgabenverteilung zwischen Eltern, Kind und Lehrkraft

Das folgende Fallbeispiel zeigt, wie sich pädagogische Ziele – Respekt, Frustrationstoleranz, Eigenverantwortung, Konzentration – in konkrete, alltagstaugliche Handlungsschritte übersetzen lassen. Entscheidend ist dabei die klare Rollenverteilung: Jede beteiligte Person weiß genau, welchen Beitrag sie leistet, wann und wie.

A. Aufgaben der Eltern
KonzeptKonkrete AktionWann
An Respekt erinnernRespektlosigkeiten sofort ansprechen: was war falsch, warum ist Respekt wichtigBei Bedarf
Durchhaltevermögen stärkenBei Lernfrust nicht die Aufgabe abnehmen, sondern fragen: „Was ist der nächste kleine Schritt?“ oder an frühere Erfolge erinnernBei Lernfrust
Ruhig bleiben bei KonfliktenVor dem Gespräch kurz durchatmen, „Ich“-Botschaften statt VorwürfeBei Konflikten
Alternativen anbietenStatt „Nein, das geht nicht“: Optionen geben („Hausaufgaben oder Zimmer aufräumen – was wählst du?“)Täglich / nach Bedarf
Reflektierende Gespräche führenKurzes Abendgespräch: „Was hast du heute gut gemacht? Was war schwierig? Was machst du morgen anders?“ – als Austausch, nicht als VerhörTäglich, abends
An Schulmaterial erinnernGemeinsame Checkliste für die Schultasche, morgens abgehaktTäglich, morgens
B. Aufgaben für Felix selbst
KonzeptKonkrete AktionWann
MaterialordnungCheckliste für die Tasche, Ordnungssystem für den Schreibtisch (anfangs mit Eltern)Täglich / wöchentlich
Respekt einhaltenBei Regelverstößen das Gespräch suchen: „Wir hatten die Regel – was ist passiert, wie lösen wir das?“Bei Bedarf
Konzentration lernenNonverbale Signale der Fachkraft (z. B. leichtes Klopfen, Blickkontakt) statt lauter AnspracheIm Unterricht
Eigenverantwortung übenFeste kleine Aufgaben zu Hause übernehmen (z. B. Mülleimer dienstags rausbringen)Wöchentlich
C. Aufgaben der Klassenlehrkraft / Fachkraft
KonzeptKonkrete AktionWann
Unterstützung bei Regeln/LerninhaltenKlare Ansagen, Aufgabenstellung zusätzlich in einfacher Sprache erklären, kurze Verständnis-RückfragenIm Unterricht
Eigenverantwortung stärkenPositive Verstärkung: konkret loben, wenn Felix selbstständig arbeitet oder sich fokussiertTäglich
Toleranz fördernAktive Einbindung bei Gruppenarbeiten; bei Konflikten Mediator-Rolle, Empathie-Fragen stellen („Wie hat sich dein Mitschüler dabei gefühlt?“)Im Unterricht / bei Konflikten
Kommunikation und Einbindung
  • Kick-off-Meeting: Kurzes Treffen mit allen Beteiligten (Eltern, Felix, Lehrkräfte), um die Punkte gemeinsam zu besprechen
  • Gemeinsames Verständnis: Alle nutzen dieselben Signale und verfolgen dieselben Regeln
  • Felix' Einverständnis: Entscheidend ist, dass Felix die Regeln und Ziele versteht und ihnen im Rahmen seiner Möglichkeiten zustimmt
Umsetzung und Überwachung
  • Klares Startdatum festlegen
  • Wöchentlicher kurzer Austausch zwischen Eltern und Fachkraft (z. B. freitags): Was lief gut, was war schwierig?
  • Nach 3–4 Wochen: gemeinsame Überprüfung der Wirksamkeit, Anpassung bei Bedarf
📝 Redaktionelle Ergänzung

Beim wöchentlichen Austausch lohnt sich ein zusätzlicher, kurzer Schritt: Felix selbst nach seiner Einschätzung zu fragen – was für ihn gut lief, was schwer war. Diese eigene Perspektive stärkt genau die Eigenverantwortung, die das Konzept zum Ziel hat.

Konzept ursprünglich entwickelt von Daniel M. (INGRA) für KLARTEXT.
Brainy
Brainy erinnert: Jeder Fall ist anders — aber die Struktur dahinter bleibt immer gleich: ruhig bleiben, beobachten, klein anfangen, dokumentieren.